Tödliche Lust – „IM REICH DER SINNE“ zum 50. Geburtstag digital restauriert
Der japanische Originaltitel lautet AI NO CORRIDA. Wörtlich übersetzt: Corrida der Liebe. Und Corrida meint Stierkampf. Schließlich lässt sich Leidenschaft ins Unkontrollierbare, Verletzende, bis zur völligen Ausblutung steigern. Amor schießt nicht mit zarten Pfeilen, sondern mit einem Maschinengewehr.
Der studierte Jurist und Filmemacher Nagisa Oshima griff für IM REICH DER SINNE (Ai no corrida) nach einem historischen Justizfall: Im Jahre 1936 verfiel die japanische Geisha Abe Sada dem Bordellbesitzer Kichizō. Beide gaben sich restlos ihrer Leidenschaft hin. Die Außenwelt? Verschwand zunehmend. So ging das wochenlang, monatelang. Als Kichizōs Körper ausgezehrt schien, strangulierte Abe Sada den Geliebten, um weitere Erektionen zu erzwingen. Am Ende kastrierte sie ihn, schrieb mit seinem Blut die Schriftzeichen „Nur wir“ auf seine Brust.
Diesen Trip hat Japans Star-Regisseur Nagisa Oshima 1976 verfilmt. Das spätere Leben seiner Heldin spart er aus. Hier in Kürze: Abe Sada erhielt sechs Jahren Haft für ihre tödlichen Ekstasen. 1941 entlassen, wurde sie in Japan wie eine Heilige verehrt. Inzwischen gibt es Biographien, Manga-Alben und zwei weitere Bio-Pics über sie.
AI NO CORRIDA ist wie eine Schlinge, die, um den Hals des Zuschauers gelegt, sich langsam zusammenzieht. Zwei Schlachtfelder kollidieren: Eine Szene zeigt marschierende Soldaten, auf dem Weg zum Schlachtfeld in China. Und, zweites Kriegsfeld: Das Geisha-Haus, in dem der Liebeskampf des Paares ebenfalls in Blut und Tod mündet.
Die Liebenden, als pornographische Version mythischer Paare, sind in magisches Licht getaucht, aufgenommen von einer Kamera, die nichts ausspart, dennoch keine Scham, kein Gefühl von Indiskretion entstehen lässt. Die Musik von Minoru Miki, erzeugt durch Längsflöte, traditionellen Zupfinstrumenten und Trommeln, peitscht das Geschehen nicht auf, sondern kommentiert, ahnt und vertieft. Die strenge Inszenierungsform, vom No-Theater und Yukio Mishima inspiriert, lässt keinerlei Ausweg, Flucht oder Notbremsung zu: Sie verdeutlicht: Hier ist Schicksal am Werk.
Der Farbe Rot dominiert den Film: Rot wie Blut, Rot wie Abe Sadas Kimono und die rötliche Sonne kurz vor Untergang. Das „Land der aufgehenden Sonne“, das traditionelle Japan, in seinen letzten Zügen.
1976 kam IM REICH DER SINNE zur Uraufführung in Cannes. Das Publikum war wie gekeult. Man feierte die anwesende Crew. Auf der nachfolgenden Berlinale hingegen wurde der Film beschlagnahmt. Anwälte mussten vor Gericht seine Freigabe erstreiten. In den folgenden Jahrzehnten ließen sich Intellektuelle wie die Feministinnen Angela Carter, Catherine Breillat oder der Dramatiker Botho Strauß von dem Film inspirieren.
In Japan erhielt der Darsteller Tatsuya Fuji (Kichizō) jahrelang keine Rollen mehr, während Schauspielerin Eiko Matsuda (abe Sada) ihr Heimatland temporär verließ. Zu groß waren dort die Anfeindungen. Regisseur Oshima fand sich sogar vor Gericht wieder.
50 Jahre nach seiner Fertigstellung ist IM REICH DER SINNE wieder im Kino. In digitaler Restauration.
Und wer nach dem Kinobesuch nach Vertiefung des Filmerlebnisses sucht, kann IM REICH DER SINNE auch in unserer Videothek auf DVD ausleihen.