R.i.P. ALEXANDER KLUGE – Meister der Metamorphosen

Die unermüdliche Maschinerie lief 94 Jahre lang, ununterbrochen, ehe sie zum Stillstand kam. Für immer. Die Hinterlassenschaft hat einen Umfang, der jede Aufarbeitung – etwa durch Biographen – fast unmöglich macht: Alexander Kluge produzierte intermedial: Drehte Filme, schrieb Bücher, war im TV und Internet aktiv. Sowohl Themen wie Ausdrucksmittel sind durch zahllose Assoziations-Fäden miteinander verknüpft. Ein endloses Netzwerk, ein Gesamtkunstwerk. Kluges Vorbilder: Der antike Dichter Ovid, der in seinen „Metamorphosen“ etwa 250 Mythen kompilierte. Und die Gebrüder Grimm, deren Märchensammlung und etymologische Wörterbücher ähnliches leisteten.

Dem entsprechend war Kluges Denkstil des promovierten Juristen nicht bohrend, nicht analytisch-zergliedernd, sondern frei assoziierend, synthetisch. Seine Film-Essays verbinden Fakten und Fiktion, Bilder und Zitate. Beispiel: Eine Episode aus DIE MACHT DER GEFÜHLE (1983) zeigt eine Selbstmörderin, die durch einen Passanten zwar gerettet, aber anschießend von ihm vergewaltigt wird. Vor Gericht ist sie emotional zerrissen. Kluge verbindet die Episode mit der Oper, dem „Kraftwerk der Gefühle“, wo man unlösbare Verwicklungen ins Pathetische, zum gigantischen Bombast steigert.

In den Sechzigern hatte Pier Paolo Pasolini das deutsche Kino für tot erklärt. Nur wenige Ausnahmen ließ er gelten. Darunter: Alexander Kluge. Bis zum Tod blieb der Münchener Medien-Maniac umtriebig. Immer auf dem neuesten Wissensstand. Seine letzten Themen: KI und die Zukunft des Menschen im Weltall. Kluge übergab der Künstlichen Intelligenz sogar den eigenen Regiestuhl, ließ sie Filme erstellen. Ob sie Kluges Arbeit über seinen Tod hinaus fortsetzen wird?

Die Filmkunst-Videothek bietet euch mehrere Werke des Regisseurs auf Leih-DVDs. Zum Entdecken und Wiedersehen. Neben der erwähnten MACHT DER GEFÜHLE auch Kluges Beitrag zu dem RAF-Episodenfilm DEUTSCHLAND IM HERBST (1978) sowie den Film-Essay NACHRICHTEN AUS DER IDEOLOGISCHEN ANTIKE: MARX, EISENSTEIN, DAS KAPITAL. Die Rekonstruktion eines Projekts, das Filmregisseur Sergej Eisenstein im Jahre 1927 geplant, aber nie realisiert hat: Die Verfilmung von Karl Marx „Das Kapital“.

Über weitere Kluge-Werke in der Filmkunst-Videothek informiert euch gerne unser Personal.