„Der Tod ist ein Orgasmus!” R.i.P. Rosa von Praunheim

Was John Waters für New Hollywood war, das bot Rosa von Praunheim dem Neuen Deutschen Film: Einen ganzen Kübel voll Camp, Trash, Bad Taste und schrille Freak-Shows. Während Kollegen wie Rainer Werner Fassbinder oder Werner Schroeter ihre Werke mit todernster Miene präsentierten, einen Kunstanspruch erhoben und dafür Applaus vom Bildungsbürgertum kassierten, sorgte Holger Mischwitzsky (alias Rosa von Praunheim) mit Kult-Krachern wie DIE BETTWURST (1971) für Fremdscham und Gelächter. Sogar Krepieren war bei ihm witzig: „Gibt es Sex nach dem Tod?” fragte er in einem seiner Bücher (1981). Die Antwort gab er sich selber: „Der Tod ist ein Orgasmus! Ich glaube an Sex nach dem Tod!“ Exotische Worte für eine Zeit, die sogar Sex vor dem Tod anzweifelt.

Neben schriller Präsentation seiner Stars wie Lotti Huber oder Luzi Kryn  erstellte Praunheim auch ernste Dokumentationen im 16mm-Format. Darunter: NICHT DER HOMOSEXUELLE IST PERVERS, SONDERN DIE SITUTION IN DER ER LEBT (1972). Der sorgte bei der Erstausstrahlung im TV für aufgeregte Debatten. Praunheim zeigte nicht nur schwulen Alltag, sondern forderte die Betroffenen auf, ihre Heimlichtuerei zu beenden, sich zu outen, ein Kollektiv zu bilden. Motto: „Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen!“

Aber Selbstermächtigung verlangt nach eigener Geschichtsschreibung, nach inspirierenden Vorbildern, Pionieren und Wegbereitern. Ergo drehte Praunheim zwei Biopics über Vorkämpfer der sexuellen Liberalisierung: Die bisexuelle Nackttänzerin Anita Berber (ANITA – TÄNZE DES LASTERS, 1987) und den Sexualforscher Magnus Hirschfeld (DER EINSTEIN DES SEX,1999), dem Entdecker sexueller Zwischenstufen.

Das Image des sexuellen Tabu-Brechers dominierte Praunheims mediale Rezeption so sehr, dass sein zweites Zentralthema fast unterging: Der Tod. Anfang der Achtziger drohte er, in Gestalt des Aids-Virus, frisch erkämpfte Freiheiten zu ersticken. Wieder filmte Praunheim an vorderster Font, drehte EIN VIRUS KENNT KEINE MORAL (1986), den ersten deutschsprachigen Film über HIV. Eine makabre Parodie auf damalige Reaktionen: Panik, Ausgrenzung, Schuldzuweisungen, reißerische Schlagzeilen und Geldgier der Pharma-Konzerne.

Aber Praunheims Beschäftigung mit dem Tod reicht tiefer, führt zurück in seine Kindheit: Zu seiner christlichen Erziehung. Zu den Höllenvisionen des Katholizismus. Die kombiniert er in dem Doku-Spielfilm ROSAS HÖLLENFAHRT (2009) mit autobiographischer Reflexion. Weniger eine Abrechnung als „seine persönliche Suche nach den Ursprüngen der Seele.” (Home-of-films.com)

Und, wo ist Rosa von Praunheims Seele jetzt? Wenige Tage nach seinem Tod? Wünschen wir ihm, dass er die Ewigkeit als endlosen Orgasmus erlebt. So wie er es bis zuletzt gewünscht hat.

Für alle, die Praunheims Filme entdecken oder wiedersehen wollen: Die Filmkunst-Videothek im b-ware! Ladenkino verleiht eine Auswahl seiner Werke auf DVD.